Schon vorgestern habe ich den gut geschriebenen und auch recherchierten Artikel von elfkingsdaughter (netzklatsch) zum Tod des Düsseldorfers Hans-Joachim Will empfohlen, der sich mit dem ungewöhnlichen Leben des Opfers beschäftigt. Jetzt wurde diesem Artikel noch ein Update hinzugefügt - es behandelt die neuen Fakten des mittlerweile wohl aufgeklärten Falles. Was die Autorin allerdings wundert, ist der geringe Widerhall, den ein solch brutaler Mord in der nationalen Presse ausgelöst hat. Sogar bei der Lokalpresse ist er mittlerweile in den hinteren Teil verschwunden, und regional kam er über einige kurze Erwähnungen nicht hinaus. O-Ton des Blogeintrags:
In Muenchen (der Fall der "U-Bahn-Schläger", Anm. FT) hatten zwei junge Maenner mit Migrationshintergrund einen braven deutschen Pesnionaer und ehemaligen Beamten, einen Lehrer zudem, attackiert und schwer verletzt. In Duesseldorf war das ermordete Opfer nur ein Loser, ein Parkbanktrinker und die Taeter zwei junge Deutsche.
Zwei interessante Theorien, die durchaus stichhaltig sind. Ob sie aber wirklich die Erklärung sind?
Die Tatsache, dass das Opfer "nur ein Loser" war, scheint mir weniger bedeutsam zu sein. Immerhin hat Will ja eine bewegte Vergangenheit, die die Beschäftigung mit seinem Fall für die Presse durchaus interessant werden lässt - das hat ja elfkingsdaughter mit ihrem eigenen Beitrag durchaus nachweisen können. Vor allem, als der Fall noch nicht geklärt schien, hätte man mit Spekulationen über einen möglichen politischen Hintergrund ("Wollte Will Details aus der Vergangenheit veröffentlichen?") durchaus auch auf dem Boulevard weiter anheizen können.
Die zweite Theorie wiegt schon schwerer. Sicherlich kann man mit ausländischen Straftätern an manchen Stammtischen leichter punkten als mit Deutschen - aber es waren ja dennoch Heranwachsende, die da den Mord begangen haben, insofern würde die Tat zwar nicht das Stammtischthema "Ausländer", aber doch das Stammtischtheme "kriminelle Jugendliche" bedienen. Auch diese Begründung scheint mir nicht auszureichen.
Ich würde einen Begründungskomplex wählen, einen durchaus politischen noch dazu. Denn es war im Münchner Fall ja nicht allein die Presse, die die wochenlange Berichterstattung betrieben hat - das Thema wurde damals durch eine ständige Rückkopplung von Medien, Politik und öffentlicher Diskussion am Leben erhalten. Ein Großteil der Medien sprang erst auf, als die Politik das Thema bereits für sich entdeckt hatte. Vor allem das ist diesmal nicht der Fall. Warum nicht?
Erstens: Es ist kein akuter Wahlkampf, vor allem nicht in NRW. Jetzt schnelle Punkte mit eiligen Äußerungen zu machen, ist kaum möglich.
Zweitens: Für die Union ist das Thema aufgrund der Nationalität der Täter schlecht geeignet, weil es ihrer (impliziten) Argumentation, man könne die Jugendgewalt vor allem durch das schnelle Abschieben ausländischer Straftäter senken, entgegenwirkt.
Drittens: Die NRW-Regierung müsste sich fragen lassen, ob sie nicht mit dafür verantwortlich ist, wenn so etwas passiert. Die Kürzungen bei der Finanzierung der Polizei würden in Frage gestellt; das besonders, weil ja auch der Fall der toten älteren Dame aus der Trinkerszene ("Tante Inge") möglicherweise vorschnell als ein Unfall abgeschlossen wurde - und sich nun möglicherweise noch als ein unbemerkter Mord herausstellen könnte.
Viertens: Die NRW-Opposition hat kein Interesse an einer Diskussion, weil jedes Aufkommen einer Debatte über Jugendgewalt und Kriminalität im Allgemeinen für gewöhnlich nur der Union nützt. Besonders, da einer der Täter derzeit "auf Bewährung" war, dieses Thema sich also wieder für Forderungen nach härteren Strafen nutzen lassen könnte.
Fünftens: Das Interesse der SPD dürfte auch durch die Tatsache eingeschränkt sein, dass eine Beleuchtung des Lebenslaufes des Opfers ihnen möglicherweise sogar schaden könnte. In der Partei der Solidarität wird ein früherer prominenter, aktiver Genosse nach Ende seiner Arbeit für die Partei nach und nach völlig vergessen, selbst frühere enge Mitarbeiter nehmen kaum Notiz davon, dass Hans-Joachim Will sozial abrutscht und als Trinker im Park endet - das sieht nicht sehr gut aus.
Somit hat also keine politische Richtung die Sicherheit, aus einer einmal angestoßenen Diskussion mehr Vorteile als Nachteile erlangen zu können. Sie passt einfach nicht ins Konzept, also schweigt man sie lieber tot - und hält die Presse mit anderen Diskussionen in Atem. Traurig, aber so scheint es nun einmal zu sein.
Vielleicht kann eine weitere intensive Diskussion in der Blogosphäre das noch ändern - wert wäre es das Thema jedenfalls, dass sich die Öffentlichkeit damit beschäftigt. Sich fragt, was man gegen das Abrutschen junger Leute in die Kriminalität wirklich tun kann. Diskutiert, was man unternehmen kann, wenn der einst hochgeschätzte Kollege nach und nach in Alkohol und Einsamkeit versinkt. Zum Thema macht, wie man auch die Sicherheit der Schwachen in der Gesellschaft wirklich verbessern kann, anstatt immer nur dem Terrorismusgespenst nachzulaufen. Und einmal thematisiert - dafür bin ich elfkingsdaughter dankbar - warum ihre täglichen politischen und gesellschaftlichen Gespräche so stark von der Agenda der Parteien und politischen Klasse bestimmt werden.
Vielleicht.