The Dark Knight
Ich war schon als Kind kein großer Comic-Fan, insbesondere von Superhelden-Geschichten; diese Stories reizten mich einfach nicht, weil sie meist außer Action und schrill-buntem Durcheinander nicht viel zu bieten hatten. Ein großer Fan von Hollywood-Filmen bin ich aber, und als solchem kamen mir in den letzten Jahren schon einige Comic-Verfilmungen unter. Diese haben meine Meinung über das Superhelden-Genre ein wenig verbessert. Moralische und ethische Fragen, schwierige Entscheidungen spielten hier teilweise eine Rolle, und Freunde, die bereits als Kinder die Comics gelesen hatten, versicherten mir, dass eifrige Leser auch in den Originalen oft genug über solche Glanzstellen stolperten. Trotzdem habe ich nicht mehr angefangen, Bildergeschichten zu lesen…
Einen oder zwei der "alten" Batman-Filme hatte ich mir angesehen. Ich kann mich noch erinnern, dass mir einer so halbwegs gefiel, weil er eine düstere Atmosphäre zu schaffen verstand, der andere hingegen das pure Grauen in einer knallbunten Comic-Optik war, sodass ich eigentlich nie wieder einen dieser Filme sehen wollte. Trotzdem landete ich irgendwie in "Batman Begins". Und weil mir dieser Film gefiel - wieder sehr düster, mit einer echten Handlung und gelegentlich sogar zum Mitdenken anregend - ließ ich mich auch dazu überreden, mir gestern Abend "The Dark Knight" im Kino anzusehen. Schlicht gesagt: Ich war begeistert.
(Achtung: Mit "Spoilern"!)
Sicher, TDK ist kein intellektueller Film. Er ist und bleibt Popcorn-Kino, bei dem vor allem die Action im Vordergrund steht und das auch für jene interessant sein soll, die lieber ihr Gehirn an der Kinokasse abgeben (oder gleich zuhause lassen). Doch wenn man aufmerksam die Geschichte verfolgt, besonders die Dialoge mit dem Joker (echt schade um Heath Ledger), dann entdeckt man doch viel mehr, als auf den ersten Blick zu sehen ist. Die wichtigste Frage, die der Film an den Zuschauer stellt (und ihm eigentlich nicht vollständig beantwortet), ist eine, mit der sich viele von uns im Geschichtsunterricht bereits beschäftigt haben:
Was und wieviel davon ist nötig, um die Fassade der Moral und Zivilisation von einem Menschen abzukratzen und darunter das nackte Grauen aus Wahnsinn und Gewalt zum Vorschein zu bringen?
Batman ist bei der Entwicklung dieser Frage im Film eigentlich mehr ein Zuschauer wie wir selbst. Die Antipoden sind vielmehr der junge, gutaussehende, von der Gerechtigkeit beseelte Staatsanwalt Harvey Dent einerseits und der Joker, ein absolut moralfreier, wunderbar irrer und doch noch nachvollziehbarer, anarchistischer Terrorist. Faszinierend ist daran, zuzusehen, wie es dem Joker gelingt, den von seinen Mitmenschen völlig überhöhten Dent, der am Ende doch nur ein schwacher und fehlbarer Mensch ist, nach und nach in den Wahnsinn zu stürzen und schließlich als "Two-Face" zu einer Orgie von Haß und Gewalt zu führen. Auch sehr gelungen ist hier die Tatsache, dass beide "Gesichter" schon zuvor in ihm angelegt waren - bereits in vorhergehenden Szenen, in denen Dent sehr unter Druck gerät, zeigt er die Möglichkeit, sich von seinem moralischen Weg abzuwenden, mehrmals auf.
Besonders gut gefiel mir aber eine Szene mit zwei Fähren, die mit beschädigten Motoren und gefüllt mit Sprengstoff mitten auf dem Fluss sitzen. In einer sitzen die Insassen der örtlichen Haftanstalt, in der anderen scheinbar biedere, zunächst freundlich erscheinende Bürger, die nur schon ein wenig in Panik sind. Joker teilt ihnen mit, dass an Bord jedes Schiffes der Zünder für den Sprengstoff an Bord des anderen Schiffes liegt - und er beide Schiffe sprengen werde, wenn nicht binnen einer Stunde eines der beiden Schiffe explodiere. Er lässt ihnen also die Wahl, zu Massenmördern zu werden, um das eigene Leben zu retten. Ein "interessantes soziologisches Experiment", meint der Joker - und bei aller Amoralität ist es das durchaus.
Im Verlaufe der Szene schnappt sich einer der Kriminellen den Zünder und wirft ihn über Bord - während auf dem anderen Schiff der Wortführer der "guten Bürger" zunächst eine Abstimmung durchsetzt, bei der sich etwa 75% dafür entscheiden, das Kriminellenschiff zu sprengen. Dann aber ist der Mann nicht in der Lage, persönlich die Zündung durchzuführen, und setzt sich erschlafft wieder hin, um auf das Ende zu warten.
Diese eine Szene enthält gleich vier interessante Botschaften:
1. Auch unter denen, die einen kriminellen und verderbten Lebensweg eingeschlagen haben, existiert noch ein guter Funke klassischer Moral, und selbst ein übler Verbrecher und Mörder kann uns noch positiv überraschen.
2. Auch bei jenen, die mit einem hohen moralischen Anspruch durchs Leben laufen, braucht es oft nur eine lebensbedrohende Situation, um zu reißenden Bestien zu werden, denen das eigene Dasein erheblich wichtiger ist als jede Moral.
3. Wenn es zu einer solchen Situation kommt, ist der Unterschied zwischen jenen Menschen, die wir als "gut" und jenen, die wir als "böse" eingestuft hätten, oft erstaunlich gering.
4. Es ist erheblich leichter, innerhalb eines demokratischen Prozesses sein Kreuzchen bei "lasst uns einen Massenmord begehen" zu machen, als es tatsächlich selbst und mit eigener Hand zu tun.
Und diese Szene ist zwar klar die beste, aber nicht die einzige gute Szene im Film. Sicher, sie behandelt Fragen, mit denen wir Hobby-Moralphilosophen hier in der Blogosphäre und der politischen Subkultur uns immer wieder beschäftigen. Der ganze Film enthält für mich kaum etwas Überraschendes. Was aber schön ist, ist, dass sich ein Popcorn-Film überhaupt solchen Fragestellungen annähert und diese einem breiten Publikum unter die Nase hält. Allein dafür kann ich "The Dark Knight" nur loben.


