01. 09. 2008

Energiefragen

Abgelegt als: Energie - freiburgerthesen @ 23:35

Als Befürworter der Kernenergie mitten unter Scharen von Leuten, die gegen sie sind, hat man es schon schwer. Oh, nicht im täglichen Leben; da begegne ich eigentlich nur Leuten, denen der Strom so teuer wird, dass sie kaum bereit sind, Kraftwerke abschalten zu lassen, die jetzt (Subventionen hin oder her, denn die haben sie ja auch bezahlt) preiswert Strom erzeugen.

Nein, mehr unter politisch interessierten Freunden, politischen Freunden (das ist etwas Anderes!) und den politisch ähnlich gesinnten Bloggern. Eine der Hauptdiskussionen ist die um die Energiesicherheit, und gerade da weiche ich von denjenigen ab, mit denen ich mich sonst so gut verstehe: Ich bin davon überzeugt, dass wir diese nur durch Kernenergie herstellen können. Und ich glaube den Experten, die vor einer Versorgungslücke warnen, wenn wir wirklich alle KKWs abschalten.

Sicher, im Augenblick erzeugen wir noch weit mehr Energie als wir verbrauchen, wir sind Nettoexporteure. Das haben uns die KKW-Gegner oft genug vor Augen geführt. Doch sollte man vielleicht einen Blick über diese einfache Statistik (Erzeugung/Verbrauch) hinaus werfen.

Die Kernenergie trägt derzeit rund 13% zu unserer Energieversorgung bei, etwas mehr als die Hälfte dieser Kraftwerke könnte man abschalten, wenn man keinen Strom mehr exportieren würde. Nehmen wir an, dass wir die Erneuerbaren Energien auf kurze Sicht vervierfachen können (was vielleicht sogar möglich wäre), dann wäre diese Abschaltung ausgeglichen. Das Problem aber ist: Etwa 21% unserer Energie wird auf Gaskraftwerken erzeugt, und von diesen 21% stammen relativ 85% (total also etwa 18%, damit mehr als die gesamte Leistung der KKWs) aus Russland.

Wer die aktuellen Nachrichten verfolgt, teilt sicher meine Sorge, dass diese 18% unseres gesamten Energiebedarfs nicht so sicher sind, wie man meinen möchte. Dass außerdem fast 40% aus Erdöl gedeckt werden (das hier fast gar nicht stattfindet, sondern aus politisch noch problematischeren Regionen bezogen werden muss) mindert meine Sorgen nicht im Geringsten.

Jenseits allen Populimus sehe ich es so: Bis Erneuerbare Energien mehr als 60% unseres Energiebedarfs decken können, wird sicher ein Jahrhundert vergen (oder zumindest ein halbes). Angesichts der kritischen Situationen, in denen sich die Herkunftsländer ALLER anderen Energiequellen befinden, wäre es wahnsinnig, auch nur eine davon auszuschließen. Wir müssen uns jede von ihnen offen halten (und dabei alle gegenüber dem Öl bevorzugen) um sicher zu sein. Und um auszuschließen, dass wir irgendwann so verzweifelt sein könnten, uns mit Gewalt den Zugang zu der einen oder anderen Energieform sichern zu müssen. Das nur so am Rande.

04. 08. 2008

Diese Bayern…

Abgelegt als: Energie - freiburgerthesen @ 13:48

Auch, wenn man für Kernenergie ist, muss man doch zugeben, dass die bayrische Haltung dazu sehr amüsant ist. Tenor etwa: Wir wollen mehr Atomstrom, der anderswo seine Folgen hinterlässt. Aber doch bitte nicht bei uns!

29. 07. 2008

Zynisch - und ahnungslos

Abgelegt als: Blogosphäre, Soziales, Liberalismus, Energie - freiburgerthesen @ 12:28

Den "zynischen Liberalen" sei entschieden zu begegnen, forderte vorhin ein Kommentator unter meinem letzten Beitrag. Da kann ich nur zustimmen. Und wie anders als zynisch sollte man es nennen, wenn einer der Bloggerkollegen von nebenan Thilo Sarrazin bei seinem letzten Verbalausfall auch noch zustimmt, ihn sympathisch nennt und sagt, dass der Mann ihm gefällt? Wir erinnern uns, Sarrazin hatte arbeitenden Menschen, deren Einkommen mehr und mehr von den Energiekosten aufgefressen wird, den Rat gegeben, doch eben die Temperatur auf 16 Grad herunterzuschrauben und sich im Winterpulli in die eigene Wohnung zu setzen.

Sein (sozialdemokratisches?!?) Ideal für die Zukunft lehnt sich dabei an die Vergangenheit an: „Bei uns waren es zuhause immer 16 Grad. Am Morgen hat mein Vater die Koksheizung befeuert und sie erst am Abend, wenn er von der Arbeit zurückkam, wieder angemacht. Das hielt dann immer gerade für 16 Grad. Ich habe es überlebt“. Unerträglich, solche Sprüche. Ich habe schon die Grünen verachtet, wenn sie angesichts steigender Benzinpreise die Chuzpe hatten, auch Berufspendlern zu vermehrtem Radfahren zu raten - aber die können immerhin oft sagen: "Ich mache das auch so". Dass Herr Sarrazin hingegen bei 16 Grad im dicken Pullover sitzt, ist nicht zu erwarten. Solche Kommentare angesichts eines sinkenden Lebensstandards und einer immer weiter auseinandergehenden Wohlstandsschere sind völliger Zynismus.

Und auch die Netz-Julis zeigen mal wieder ein bemerkenswertes Unverständnis für die Sorgen und Nöte der einfachen Menschen im Land. In einem Kommentar unter dem oben verlinkten Blogbeitrag schreibt Jan Filter (der ansonsten richtig anmerkt, dass sich die Menschen durch solche Bemerkungen für dumm verkauft fühlen): "mal ganz ganz nebenbei: wie kommt man eigentlich auf die Idee, bei der Affenhitze mit so einem Thema anzufangen?". Ich nehme einfach mal an, dass der junge Herr Filter noch bei seinen Eltern wohnt und zu dieser Zeit wohl eher an das Freibad denn an finanzielle Probleme denkt. Denn sonst hätte ja auch er vor wenigen Tagen eine Erhöhung der Gaspreise oder der Wohnungs-Nebenkosten ins Haus bekommen - oder seinen Öltank für den Winter aufgefüllt und dabei festgestellt, wie teuer das Öl geworden ist. Darum fängt man bei dieser Affenhitze mit diesem Thema an, guter Mann.

Wessen Marktwert zu niedrig ist, der soll trotz fleißiger Arbeit hungern und frieren - in diesem Credo erkenne ich nichts weiter als eine Variante jenes aristokratischen Despotismus, gegen den der Liberalismus seinen ersten großen Kampf gewonnen hat. Nicht aber eine politische Bewegung, die die Freiheit des Menschen im Auge hat.

14. 07. 2008

Manöverkritik III: Anne Will, 13. Juli 2008

Abgelegt als: Medien, Energie - freiburgerthesen @ 12:13

Eine Sendung, die zunächst von sehr hoher Qualität zu sein schien, degenerierte schlagartig und endete im völligen Chaos.

Moderatorin:

Anne Will: "Anne will - aber sie kann’s nicht" ist kein origineller Spruch mehr, sondern mehr ein geflügeltes Wort - richtig bleibt es aber dennoch. Nach zwanzig Minuten wollte ich sie noch loben, bis dahin kamen von ihr mehrere gelungene Fragen, sie hat ihre Gäste tatsächlich moderiert, anstatt ihnen nur hilflos zuzuhören. Doch dann glitt ihr einmal mehr das Gespräch aus den Händen. Und wenn eine Moderatorin von ihren Gästen unterbrochen und übertönt wird, kann man das nur völliges Versagen nennen. Auch der Regie. (5-)

Gäste:

Christian Wulff: Ruhig und sachlich, aber oft zu sehr an Schlagworten verhaftet. "Dargestellt" etwa passt als Verb nicht in jeden Satz; vielleicht noch zum Haushalt, sicherlich aber nicht zum Bau von Kraftwerken. Weiß sein telegenes Aussehen, sein Lächeln und seinen recht guten Ruf effizient zu nutzen. Für die eigene Klientel überragend, für Schwankende einigermaßen überzeugend. (2+)

Hubertus Heil: Wie immer sehr geeignet als Schlafmittel. Drückt sehr stark den Mangel an Entschlossenheit und Kampfgeist aus, der die SPD mittlerweile quält, ist andererseits aber von TV-Wirkung und Rhetorik her Christian Wulff deutlich unterlegen. Als "wandelnde Sprechblase" sagt er zu oft die gleichen, schon oft gehörten Dinge. (4+)

Jutta Ditfurth: Wirkte wie eine wild gewordene Furie, die jegliche Höflichkeit an der Tür abgegeben hat. Herbe Angriffe und Verschwörungstheorien kombinierten sich zu einem Auftritt, der nur für völlig Überzeugte oder die Klientel, die ohnehin solche Sendungen selten sieht (die "Die da oben"-Fraktion) Wirkung gezeigt haben dürfte. Für Unentschlossene, erst recht für jemanden, der anderer Meinung ist, hat sie alle Sympathien verspielt. (5)

Rolf Martin Schmitz: Vermied die "Unternehmer-Falle", indem er seine gesellschaftliche Funktion und Position nicht so deutlich nach außen kehrte, wie viele Manager das in Talkshows tun. Mit einem freundlichen Lächeln und gelegentlichen emotionalen Appellen gelang es ihm sicherlich, auch Unentschlossene anzusprechen. Ist aber im TV etwas zu blass. (2-)

Peter Escher: Als Journalist und Moderator war Escher in solch einem Format auf heimatlichem Terrain. Konnte sehr geschickt Sympathien erwerben, vermied kritische Positionierung - hatte dadurch inhaltlich wenig zu bieten, aber dennoch einen starken Auftritt, der ihm persönlich sicherlich Aufmerksamkeit und berufliche Vorteile verschaffen konnte. (1-)

Edit: Eine andere Meinung zur Sendung beim Querblog.

Mal etwas Konkretes

Abgelegt als: Religion, Energie, Umwelt - freiburgerthesen @ 11:32

Was an den politischen Diskussionen über die Energiepolitik augenblicklich doch sehr nervt, ist ihre rein glaubensorientierte Ausrichtung. Über Zahlen, über die konkrete Ausgestaltung der jeweiligen Vorstellungen wird kaum diskutiert; stets wird nur darauf gepocht, dass entweder "die Kernenergie unersetzlich" sei (was vor allem daran liegt, dass es um den Atomkonsens geht - weniger um eine Orientierung in der gesamten Energiepolitik) oder aber "wir jetzt schnellstmöglich auf erneuerbare Energien umsteigen müssen" (ohne aber zu sagen, welche Energiemengen wirklich von welchen Quellen kommen sollen). Am schönsten sind die Diskutanten, die schlicht bestreiten, dass der Energiebedarf ansteigen, zumindest aber gleich bleiben wird, und verlangen, wir mögen "alles über Energieeffizienz regeln" (was ein schöner Wunschtraum ist, der sich zumal in einem freiheitlichen System kaum schnell realisieren lassen wird).

Wenn wir über diese religiösen Konflikte hinausblicken, sieht man gähnende Leere. Weder die Union noch die SPD, die FDP oder die Grünen (oder gar die Linkspartei) haben die Öffentlichkeit bisher mit einem Papier erfreut, in dem konkrete Energiebedarfsschätzungen z. B. für das Jahr 2025 mit einer Erzeugungsstatistik kombiniert sind. Das wären Informationen, mit denen man sich als Bürger beschäftigen kann und nach denen man beispielsweise seine Wahlentscheidung ausrichten könnte - anstatt nach religiösen Trennlinien.

Ganz anders ein Professor aus Cambridge: Wie Telepolis berichtet, hat David J.C. MacKay, Doktor der Informatik und Professor für Naturphilosophie im Fachbereich Physik an der Universität Cambridge, ein Buch in Arbeit, das verschiedene konkrete und durchgerechnete Szenarien für die zukünftige Energieversorgung anbietet. Da es sehr unterschiedliche Szenarien sind, dürfte wohl für jeden etwas dabei sein; wenn man solche Konzepte auf dem Tisch hat, hat eine Diskussion auch wirklich einen Sinn.

Vorher nicht.

11. 07. 2008

Manöverkritik II: Maybrit Illner, 10. Juli 2008

Abgelegt als: Personen, Medien, Energie - freiburgerthesen @ 11:06

Die gestrige Sendung beschäftigte sich mit der Frage der Kernenergie und war sehr stark von der Präsentation von Fakten beherrscht, was sie sicherlich interessanter machte als die meisten Sendungen dieser Art.

Moderatorin:

Maybrit Illner: Wie immer machtlos, wenn Gäste jenseits aller Höflichkeit agieren, aber mit guten Fragen und einer sinnvollen Gesprächsführung. Auflockerung durch Spezialgast im Publikum misslang wie immer, weil Frau Illner wieder einmal nur einen bestimmten Satz herauskitzeln wollte und das Gespräch dadurch zerstörte. (3+)

Gäste:

Jürgen Trittin: Gewohnt rhetorisch stark und faktensicher, von geringerer sprachlicher Schärfe und mit weniger persönlichen Attacken als früher, dafür aber unhöflich und aufgesetzt dominant wie eh und je. Guter Motivator für die, die bereits seiner Meinung sind - relativ ungeeignet, um schwankende Geister zu überzeugen. (2-)

Erhard Eppler: Vernünftig und ausgleichend, dabei aber gelegentlich predigend. Zu höflich, um neben einem kämpferischen Trittin eine mäßigende Stimme des Kompromisses darstellen zu können. Versteht leider nicht wie andere erfahrene Politiker, die Würde seines Alters entsprechend zu nutzen. (3)

Michael Glos: Faktensicher und argumentativ stark, aber rhetorisch sehr schwach. Redet einschläfernd und vermittelt leider immer den Eindruck eines dümmlichen Bauern, was die Wirkung seiner zweifelsohne vorhandenen Intelligenz verpuffen lässt. Für seine Verhältnisse aber ein starker Auftritt. (3)

Ursula Sladek: Gut vorbereitet, aber gelegentlich unsachlich. Wenig telegen, unsaubere Aussprache und zu offensichtliches Triumphieren, wenn sie mal gepunktet hat. Aus ihren Informationen und ihren Argumentationen hätte man mehr machen können. (4)

Walter Hohlefelder: Ebenfalls inhaltlich stark, versteht aber nicht so gut wie die anderen, Emotionen zu nutzen. Für seine Klientel sicherlich sehr überzeugend, allerdings ist das Ambiente des Spitzenmanagers so stark, dass es "kleine Leute" eher abschreckt. Wusste keine Entgegnung auf den Vorwurf, dass die Konzerne sich bereicherten; hier hätte man wohl mit rhetorischen Tricks oder kleinen Attacken antworten müssen, die er aber nicht so gut beherrscht. (4+)

Scheinargument

Abgelegt als: Medien, Energie, Umwelt - freiburgerthesen @ 10:25

Die TAZ hat eine Liste mit Argumenten für Atomkraftgegner zusammengestellt (Dank an Chat Atkins), die die Oberhand behalten wollen, obwohl ihnen der Wind ins Gesicht bläst. Dort findet sich offensichtlich Vernünftiges (wie der Verweis auf die ungeklärte Endlagerung und die dubiosen Haftungsregeln) neben Origninellem und Bedenkenswertem (wie der Hinweis auf die Notwendigkeit eines Umdenkens bei der Grundlastfrage) und haarsträubenden Scheinargumenten. Letzteres findet sich vor allem da, wo die Nützlichkeit der Atomkraftwerke bei der CO2-Vermeidung bestritten wird. Zitat:

Die Stromerzeugung durch Atomkraft senkt den CO2-Ausstoß in Deutschland überhaupt nicht - vorausgesetzt, der Emissionshandel funktioniert. Denn Deutschland hat im Rahmen des Kioto-Protokolls ein bestimmtes Kontingent an CO2, das es in den kommenden Jahren ausstoßen darf. Unabhängig von den Atomkraftwerken. Und dieses Limit wird zwangsläufig eingehalten, sofern der Handel nicht unterlaufen wird.

Weil in Deutschland Diebstahl verboten ist, wird hier ja auch nicht geklaut. Deswegen brauchen wir auch keine Polizei, denn was nicht sein darf, das kann auch nicht sein. Das gleiche Argument könnte man gegen die Förderung erneuerbarer Energien in Stellung bringen: Diese brauchen wir selbstverständlich nicht zu fördern, denn auch ohne sie werden wir die Klimaziele erreichen. Immerhin steht das ja im Kyoto-Protokoll.

Auch, wenn alle anderen Argumente mehr gegen als für die Atomkraft sprechen: Der gleichzeitige Ausstieg aus der Kernenergie und der Kohleverstromung ist unmöglich, wenn wir gleichzeitig unseren Lebensstandard halten oder gar verbessern wollen. Und von einer Verschlechterung des Lebensstandards, von großen Opfern, sprechen die Grünen nicht. Sollten sie aber, denn das wäre ehrlich.

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