Realistisch gucken
Der Streik der Milchbauern ist ein weiterer Beleg dafür, dass das vulgär-marktliberale Bild von Wirtschaft völliger Blödsinn ist.
Einmal deswegen, weil die Milchbauern offenbar nicht individuell mit den Molkereien (und diese wiederum mit den Einzelhändlern) verhandeln, sodass sich Angebot und Nachfrage einpendeln könnten. Stattdessen sind es die Discounter, die einen bestimmten Preis setzen, zu dem sie einkaufen wollen. Die Molkereien können entweder zu diesem Preis liefern, oder pleite gehen. Und sie geben den Druck an die Bauern weiter: Sie setzen einen Preis, und zu dem wird die Milch abgenommen. Oder auch nicht. Aber dann wird sie gar nicht abgenommen. Von niemandem. Die Bauern haben also keine Verhandlungsmöglichkeit, sondern akzeptieren entweder, was ihnen angeboten wird, oder auch nicht. Und verrecken.
Zum anderen ist ja interessant, dass sich keine Molkerei findet, die etwas höhere Preise zu bieten bereit ist als die anderen Molkereien - denn sonst wäre es kein "Streik", sondern eine Verhandlung. Nein, die Molkereien haben sich ebenso zusammengetan wie die Bauern, um einen bestimmten, von ihnen gewünschten Preis durchzusetzen. Mehr Plan- als Marktwirtschaft, das kann man feststellen.
Marktradikale kämpfen mit großem Lärm gegen den Sozialismus, um solche Situationen zu verhindern, sagen sie. Sie sind gegen festgelegte Quoten auf hoher Ebene, und für ein Gleichgewicht von Löhnen und Preisen, das der Markt erzeugt. Doch der Rückzug des Staates aus allen Bereich wird nicht etwa diese freie Marktwirtschaft erzeugen, sondern ein System, in dem solche Verhandlungen Dauerzustand werden - ob mit Staat oder ohne. Denn Macht existiert nicht nur im Sozialismus, sondern auch in der pervertierten Wirtschaft.
Bin ich nun dafür, dass die Milchpreise steigen, oder nicht? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich bin kein Bauer, sondern Konsument, insofern bin ich natürlich gegen steigende Preise. Ich sehe aber auch die Probleme, die die Bauern haben. Insofern bin ich nur interessierter Zuschauer bei einem planwirtschaftlichen Krieg, der wenig mit Marktwirtschaft zu tun hat - und schon seit Jahren nichts damit zu tun hatte.


